HELENE MEIER

http://helenemeier.de/files/gimgs/th-11_ORIGIO.jpg
http://helenemeier.de/files/gimgs/th-11_ORIGIO_DETAIL.jpg
http://helenemeier.de/files/gimgs/th-11_ORIGIO_DETAIL1.jpg




ORIGO


Auf den ersten Blick erinnert die Bildergruppe an japanische Tafelbilder. Die Malerei wirkt flächig, die Farbigkeit ist zurückgenommen, der Untergrund scheint durch. Jener Untergrund leitet den Blick auch alsbald um und unterläuft den ersten Eindruck. Denn hier sind keine Tafelbilder aufgehangen. Das Leinen, auf das die Ölfarbe aufgebracht wurde, ist noch nicht einmal auf einen Rahmen gespannt. Ein Bilder- rahmen fehlt jedem der vier Bilder. Stattdessen ist das ungespannte Leinen der Bildergruppe direkt an die Wand „gepinnt“. Jeweils zwei Nägel halten ein bemaltes Tuch an den beiden oberen Ecken. Die Materialität des Ensembles tritt dadurch hervor. Die Frage der Hängung drängt sich hier in neuem Sinne auf. Wie schnell, wie leicht lassen sich diese Bilder an einem Ort anbringen und vor allem wieder abnehmen und umhängen? Warum fehlt der Spannrahmen? Und was macht das mit den Gemälden? – Es lässt die einzelnen Bilder „erbeben“. Man ahnt, dass jede Bewegung vor ihnen an ihnen eine Bewegung erzeugt, sie zittern oder flattern lässt. Das Tuch nimmt jeden Luftzug auf und gibt ihn in Wellen zurück. Wellen deuten sich auch im vollkommenen Ruhezustand an. Der Stoff, an die Wand gepinnt, leicht durchhängend zwischen den beiden Nägeln, schlägt ganz sanfte Falten, die umso besser auf jeden Hauch reagieren können. (Es ist aber auch noch der Faltenschlag erkennbar, in dem das Tuch übereinandergeschlagen auf einem Regal etwa aufbewahrt wurde.) – Das tote, abgestorbene Material des Leinenfadens durchzuckt somit Leben.
Und dieses Leben bildet auch das Thema der Bildergruppe: Überall schlängeln sich größere oder kleinere Fäden oder Linien. Kugeln und Rundungen wie Zellklumpen schweben auf den Bildflächen. Eine weiße, geschwungene Linie (Einleitung) kehrt zweimal in leichter Ab- wandlung auf verschiedenen Stellen der beiden Anschlussbilder wieder. Von links nach rechts gelesen wird dieses Schema über die beiden mittleren Bilder (Hauptteil) hinweg abgelöst von Kugelgebilden. Diese treten erstmals auf dem zweiten Bild von links auf. Auf dem rechten, letzten Bild (Schluss) ist die Kugel angeschwollen. Sie nimmt das Tuch fast ein, ruht aber im Gegensatz zu den anderen Bildelementen der drei Vorgängerbilder auf einem zarten, erdigen Grund. Sie lässt an Vieles denken: vom Mondgestein bis zur befruchteten Eizelle. Im Haupt- teil ist der Torso eines Neugeborenen zu sehen. Das Neugeborene wirkt ermattet, kaum lebensfähig. Ein roter (seidener?) Faden verbindet es mit einem größeren, zeichnerisch, nur schemenhaft wiedergegebenem Torso darüber. Ist es die Hülle, die das Neugeborene einst annehmen wird? Ist es das Schema eines Leichnams? Das Erbeben der Tücher durchzieht die Gemälde.
Hier geht es um die Frage von Leben – und damit auch von Tod. Was heißt es, geboren zu werden? Ist das Leben tatsächlich einem Luftzug gleich? Kommen wir aus dem Nichts oder bedarf es der Materie, der Reaktion verschiedener Stoffe? Die Ausführung der Bildergruppe ten- diert zu Letzterem: Öl aus der Ölfarbe ist ausgetreten und hat sich in das umliegende Gewebe der bemalten Flächen verteilt. Entstehung wird somit sichtbar.

Jana Mangold